Chatkontrolle – fatale Fehleinschätzung in Sachen Sicherheit

Mach's gut (mit) Privatsphäre...

SternchenUnser Magazin ist kostenlos nutzbar und fast werbefrei*. Schon toll, oder? 😀

Aber damit das auch so bleibt, brauchen wir heute Ihre Unterstützung!
* Eigenwerbung und Advertorials ausgenommen.
Chatkontrolle - und der Feind hört immer mit? Manche sehen in der Chatkontrolle an Allheilmittel gegen (gefühlte) Kriminalität. In Wahrheit ist sie ein Puzzlestück zum perfekten Überwachungsstaat.
Chatkontrolle - und der Feind hört immer mit? Manche sehen in der Chatkontrolle an Allheilmittel gegen (gefühlte) Kriminalität. In Wahrheit ist sie ein Puzzlestück zum perfekten Überwachungsstaat.

Stellen Sie sich vor, Ihnen würde auf Schritt und Tritt eine dunkel gekleidete Person folgen, die Sie weder kennen noch ansprechen können. Sie ist einfach da und beobachtet jede Ihrer Handlungen, egal wie profan oder persönlich sie sein mögen.

Würde Ihnen das gefallen? Bestimmt nicht.

Und jetzt stellen Sie sich vor, Ihnen würde versprochen, dass dadurch Ihr Leben sicherer wird. Dafür müssten Sie aber diesen Unbekannten überall hin mitnehmen, auch auf die Toilette und ins Schlafzimmer.

Wäre es Ihnen das wert? Bestimmt nicht.

Aber genauso funktioniert der feuchte Traum von Überwachungsphantasten und manchen populistisch denkenden Politiker – überall und zu jeder Zeit jeden Bürger ohne besonderen Anlass kontrollieren können. Vollautomatisch – ohne Möglichkeit, sich diesem Mechanismus zu entziehen.

Wie funktioniert Chatkontrolle technisch?

Im Fokus der Kritik von Datenschützern und Grundrechts-Aktivisten steht insbesondere die clientseitige Chatkontrolle, kurz CSS („clientseitiges Scannen“). Das CSS funktioniert folgendermaßen:

Auf den Endgeräten der Nutzer werden vor dem Versand von Nachrichten, diese online mit einer Datenbank illegaler Inhalte (z.B. Prüfsummen von Texten, Bildern und Videos) in einem automatisierten, nicht abschaltbaren Verfahren abgeglichen.

Dieser Abgleich funktioniert natürlich nur, bevor die Daten (für die eigentliche Übertragung zum Empfänger) verschlüsselt werden. Es handelt sich also um eine gewollte Unterbrechung der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, wie sie viele moderne Messenger-Dienste zum Schutz der Privatsphäre bieten.

Was man mit einer Chatkontrolle erreichen möchte…

Vordergründig geht es – wie so oft als K.O.-Argument missbraucht – um den Schutz von Kindern vor pornographischen Inhalten. Aber auch die Abwehr von Terrorgefahren oder der Aufklärung von Straftaten im Bereich organisierter Kriminalität wird oft ins Feld geführt.

… und warum es einfach nicht funktioniert!

Doch selbst wenn man diesen schweren Eingriff in die Privatsphäre der Bürgerinnen und Bürger akzeptieren würde, so müssen selbst die Befürworter dieser Form der Massenüberwachung eingestehen, dass sie nicht zuverlässig arbeitet.

Die verwendeten Mechanismen sind nämlich alles andere als fehlerfrei; insbesondere, wenn es darum geht, unbekannte schädliche Inhalte zu entdecken:

So könnten solche Systeme bei harmlosen „Oben-ohne-Bildern“ ebenso anschlagen wie bei einer eigentlich klar als Ironie erkennbaren Aussage zwischen zwei Gesprächspartnern.

Sogar die Suche nach bekannten verbotenen Inhalten funktioniert nicht immer verlässlich, wie Studien zeigen. Und selbst wenn alle technischen Probleme gelöst und eine Genauigkeitsrate von 100% erreicht wäre, so schafft man doch einen gefährlichen Präzedenzfall:

Gefahren und Risiken von Chatkontrollen

Was ein „verbotener Inhalt“ ist, lässt sich jederzeit einfach neu definieren – wer auch immer gerade die Möglichkeit dazu hat.

Die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der Messenger dient zum einen dem Schutz der Privatsphäre ihrer Nutzer, zum anderen aber auch der Abwehr von Hackerangriffen. Ein Aufweichen dieses Schutzmechanismus führt nur zu neuen Sicherheitslücken und öffnet dem Diebstahl sensibler Daten Tür und Tor.

Autoritäre Regime sind zudem einfacher in der Lage, unliebsame Journalisten und Aktivisten zu überwachen. Wie schnell ehemals demokratisch und freiheitlich regierte Staaten sich in Beinahe-Diktaturen verwandeln, ist spätestens seit der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump in den USA offensichtlich.

Auch von einer anderen Seite droht Gefahr: Man möchte vulnerable Gruppen wie beispielsweise Kinder oder Opfer von Gewalttaten schützen, erleichtert es Missbrauchstätern jedoch, Zugriff auf deren persönliche Chatinhalte zu nehmen.

Die Chatkontrolle sowie grundsätzlich alle Formen des Aufweichens starker Verschlüsselung zur Massenüberwachung machen niemandes Leben sicherer – sondern bewirken genau das Gegenteil.